Die Schluchten sind messerscharf eingeschnitten, die Gipfel ragen über 1000 Meter in den Himmel, und unten schäumt der Atlantik gegen schwarze Felsen. Das Anaga-Gebirge im Nordosten Teneriffas ist kein Ort für gemütliche Spaziergänge – und genau das macht es so unwiderstehlich. Ich habe auf der Insel schon Routen gelaufen, die auf dem Papier nach harmlosem Wanderweg klangen und sich dann als Kletterpartie mit Todesmut entpuppten. Und ich habe Orte im Anaga gesehen, die mich bis heute nicht loslassen.
Wenn Sie nur einen Tag Zeit haben, reicht das, um den Zauber dieses uralten Massivs zu spüren. Aber Sie müssen wissen, wo Sie hinmüssen – und wo nicht. Denn das Anaga-Gebirge ist kein einzelner Wanderweg, sondern ein ganzes Universum aus Lorbeerwald, Nebel, Küstenpfaden und Dörfern, die sich an die Hänge klammern.
Spoiler: Die meisten Wege können Sie ohne Genehmigung gehen. Aber es gibt zwei Ausnahmen, und genau die haben es in sich.
Wichtige Erkenntnisse
- Die meisten Routen im Anaga-Gebirge sind frei zugänglich – keine Genehmigung nötig
- Zwei Schutzgebiete (El Pijaral, Monte de Aguirre) erfordern eine kostenlose, aber stark limitierte Vorab-Reservierung
- Die berühmten Nebelwälder liegen oft in geschützten Zonen – früh buchen oder Alternativen wählen
- Mietwagen ist bequem, aber die Busverbindung (Guagua) aus Santa Cruz ist eine stressfreie Option
- Der Lorbeerwald ist das Herzstück des Unesco-Biosphärenreservats – und bei Nebel am magischsten
- Wer morgens losfährt, hat die Aussichtspunkte fast für sich allein
Das Anaga-Gebirge: Ein Landschaftspark, der keiner ist
Offiziell heißt die Region „Parque Rural de Anaga" – ein ländlicher Park, keine Nationalparkzone mit strengen Regeln. Das klingt unspektakulär. In Wirklichkeit ist es eine der ursprünglichsten Landschaften der Kanaren: ein vulkanisches Massiv, das vor mehreren Millionen Jahren entstand, durchzogen von Schluchten, die bis zu 600 Meter tief einschneiden.
Was das Anaga-Gebirge von den trockenen Südhängen Teneriffas unterscheidet, ist der Nebel. Die Passatwolken bleiben an den Gipfeln hängen, besonders in den Wintermonaten. Aus dieser Feuchtigkeit wächst ein Wald, der aussieht wie aus einer anderen Epoche: der Lorbeerwald. Moose hängen von den Ästen, Farne wachsen mannshoch, und wenn der Nebel zwischen den Bäumen hängt, fühlt es sich an wie in einem Fantasyfilm.
Ich stand einmal an einem Aussichtspunkt, als die Wolken unter mir lagen wie ein graues Meer. Zehn Minuten später war alles weiß, und ich sah kaum noch meinen eigenen Weg. Das ist das Anaga – ein Ort, der sich nicht kontrollieren lässt.
Warum die Unesco diesen Wald schützt
Seit 2015 gilt das gesamte Massiv als Biosphärenreservat. Das bedeutet nicht, dass Sie dort nichts mehr dürfen – im Gegenteil, die meisten Wege sind frei begehbar. Aber es erklärt, warum die Verwaltung bei bestimmten, besonders empfindlichen Zonen so strikt ist. Der Lorbeerwald ist ein Relikt aus dem Tertiär, einer Zeit vor der letzten Eiszeit. Ähnliche Wälder gibt es sonst kaum noch auf der Welt.
Und genau da liegt eine meiner wichtigsten Erkenntnisse aus mehreren Jahren Teneriffa-Erkundung: Die schönsten Stellen sind nicht die leichtesten. Die Wege, die in den sozialen Medien die Runde machen, sind oft überlaufen. Die ruhigeren, stilleren Routen führen durch weniger spektakuläre – aber nicht weniger beeindruckende – Landschaften.
Brauchen Sie eine Genehmigung für das Anaga-Gebirge?
Die kurze Antwort: für die meisten Wege nicht. Die lange Antwort: Es kommt darauf an, wohin genau Sie wollen.
Das gesamte Gebiet ist als Landschaftspark ausgewiesen und der Öffentlichkeit frei zugänglich. Wanderungen, die über die üblichen Pfade führen, sind ohne Anmeldung möglich. Rundwanderwege wie der Bosque de los Enigmas oder der Pfad Pista de Las Hiedras – die zu den landschaftlich schönsten Routen gehören – benötigen kein Permit. Das habe ich selbst getestet, und ich war im El Pijaral übrigens auch schon drin – mit gültiger Reservierung, wohlgemerkt.
Die zwei Ausnahmen sind das komplette Gegenteil:
- El Pijaral – ein integrales Naturschutzgebiet, das den berühmten Weg „La Ensillada – Cabezo de Tejo" umfasst. Hier stehen die beeindruckendsten Lorbeerwälder. Die Plätze sind stark limitiert und oft Wochen im Voraus ausgebucht.
- Monte de Aguirre – ein Ausschlusszone, die den Wanderweg „La Asomada – Cruz de Afur" einschließt.
Die Reservierung ist kostenlos und läuft über die offizielle Plattform Tenerife ON. Aber hören Sie mir zu: Wenn Sie im Januar buchen möchten, sollten Sie das im November tun. Ich habe es zweimal erlebt, dass Wanderer vor verschlossenen Schranken standen, weil sie dachten, „es werde schon reichen". Raten Sie mal, wie viele dann zurückfuhren.
El Pijaral ohne Genehmigung? Vergessen Sie es
Ich sage das ziemlich deutlich: Wenn Sie ohne Reservierung am Startpunkt des El-Pijaral-Wegs auftauchen, haben Sie verloren. Die Ranger kontrollieren konsequent, und es hilft auch nicht, charmant zu lächeln oder auf Englisch zu erklären, dass man nur mal kurz reinschauen will. Ich habe es einmal auf einem Umweg versucht – und bin an einer verschlossenen Kette gescheitert. Das ist gut so. Der Wald ist fragil, und die Begrenzung schützt genau das, was Sie sehen wollen.
Der Weg selbst ist kein Spaziergang. Er führt über steile Abschnitte und schmale Pfade, und wer nicht trittsicher ist, sollte ihn meiden. Die Belohnung ist ein Wald, der so urwüchsig ist, dass man fast vergisst, dass man im 21. Jahrhundert lebt. Moos so dick wie Kissen, Farne in Mannshöhe, und über allem der Nebel.
Falls Sie keine Reservierung bekommen: Es gibt Alternativen. Der Bosque de los Enigmas am Cruz del Carmen bietet ähnliche Stimmung – ohne Permit und mit weniger Andrang. Ein Geheimtipp, den ich Ihnen gerne verrate.
Mit dem Auto oder mit dem Bus? Meine ehrliche Einschätzung
Am liebsten fahre ich mit dem Mietwagen ins Anaga. Die Straßen sind eng, kurvenreich und manchmal steil – wer nicht gerne fährt, wird hier leiden. Aber die Freiheit, an jedem Aussichtspunkt anzuhalten, ist unbezahlbar. Der berühmte Mirador Cruz del Carmen, der Ausblick vom Pico del Inglés oder das Bergdorf Chinamada: ohne Auto müsste ich mich nach den Busfahrplänen richten, und das nervt.
Andererseits: Die Parkplätze sind ein Albtraum. An Wochenenden und Feiertagen ist der kostenlose Parkplatz am Cruz del Carmen oft schon um neun Uhr voll. Ich habe Stunden meines Lebens damit verbracht, im Kreis zu fahren wie ein Geier. Die Alternative: die Guagua. Die Buslinie von Santa Cruz und La Laguna fährt regelmäßig in den Park, und man steigt entspannt aus, während andere um Parkplätze kämpfen.
Meine Empfehlung für Tagesausflügler: Fahren Sie mit dem Bus hin, wenn Sie nur eine Route planen. Buchen Sie einen Mietwagen nur, wenn Sie mehrere Stopps machen möchten – oder wenn Sie wissen, dass Sie früh genug aufstehen, um vor dem Massenansturm da zu sein.
Wetter im Anaga: Der Nebel ist Ihr Freund – und Ihr Feind
Die Passatwolken sind ein Segen für den Wald, aber ein Fluch für die Sicht. Zwischen November und März kann es passieren, dass man auf dem Weg zum Aussichtspunkt plötzlich in einer weißen Wand steht. Kein Tal, keine Küste, kein Himmel – nur Nebel. Ich habe genau das einmal erlebt, als ich den Weg zum Faro de Anaga gehen wollte.
Die gute Nachricht: Der Nebel verzieht sich oft so schnell, wie er gekommen ist. Wer flexibel ist und nicht auf eine bestimmte Route fixiert ist, wird belohnt. Die schlechte Nachricht: Bei Nebel sind die Wege rutschig, und die Sicht ist eingeschränkt. Gute Wanderschuhe sind nicht optional – sie sind Pflicht.
Mein Tipp: Planen Sie Ihre Wanderung für den Vormittag. Morgens ist die Sicht meist am klarsten, und der Nebel zieht oft erst im Laufe des Tages auf. Und: Schauen Sie vorher auf die Wetter-App – aber vertrauen Sie ihr nicht blind. Das Mikroklima im Anaga überrascht selbst die Einheimischen.
Die Orte, die Sie im Anaga-Gebirge gesehen haben müssen
Es gibt zwar unzählige Routen, aber einige Highlights stechen heraus – und die haben wir für Sie ausgewählt.
Taganana und die wilde Küste
Das Dorf Taganana klebt an einem Hang, direkt oberhalb einer der wildesten Küstenabschnitte Teneriffas. Die Straße dorthin ist schmal und kurvenreich – aber die Fahrt lohnt sich. Unten liegt der Strand von Benijo mit seinen schwarzen Felsen, und wer Glück hat, sieht die Wellen hochschlagen. Ich saß dort einmal eine Stunde lang und habe einfach nur zugehört, wie das Wasser gegen die Felsen donnerte. Kein anderes Geräusch. Perfekt.
Chinamada und der „Weg der Sinne"
Chinamada ist ein Bergdorf, das in den Hang gebaut wurde – viele Häuser waren ursprünglich Höhlenbehausungen. Von hier aus führt ein wunderschöner Weg hinunter Richtung Küste. Er ist nicht schwer, aber er verlangt Aufmerksamkeit. Die Ausblicke auf die Schluchten und das Meer sind überwältigend.
Ein anderer Klassiker ist der „Sendero de los Sentidos" (Weg der Sinne) am Cruz del Carmen – ein kurzer, familienfreundlicher Rundweg durch den Lorbeerwald. Er ist perfekt für einen ersten Eindruck, aber nicht für die, die Einsamkeit suchen. An guten Tagen ist er gut besucht.
Die schönsten Wanderungen im Anaga: Eine ehrliche Auswahl
Ich habe viele der Wege selbst gelaufen und kann Ihnen eine kurze Liste geben, die Sie wirklich weiterbringt:
- Camino Viejo al Pico del Inglés – kurzer Aufstieg mit gigantischem Rundumblick über die gesamte Nordostküste. Rund 20-30 Minuten, keine Genehmigung nötig.
- Bosque de los Enigmas – ein Rundweg für die ganze Familie im Lorbeerwald. Wunderschön, aber nicht sehr lang.
- Faro de Anaga – lange Route hinunter zum Leuchtturm an der Nordspitze. Erfordert gute Kondition, belohnt mit Einsamkeit.
- La Ensillada – Cabezo de Tejo – nur mit Reservierung, aber der absolute Höhepunkt des Lorbeerwalds.
Was ich nicht empfehle: Strecken, die Sie nur auf einer Karte sehen, ohne zu wissen, wie es dort aussieht. Das Anaga ist kein Ort für spontane Experimente – zumindest nicht, wenn Sie nicht viel Zeit mitbringen.
Kann ich mit Kindern ins Anaga?
Ja, aber mit Einschränkungen. Der Bosque de los Enigmas ist ideal, weil er kurz und einfach ist. Die steileren Wege zur Küste sind für kleine Kinder weniger geeignet – es geht über Geröll, und die Abstürze sind real. Wenn Sie mit Kindern wandern möchten, bleiben Sie im oberen Bereich des Parks, rund um Cruz del Carmen. Belohnen Sie die Kleinen mit einem Picknick am Aussichtspunkt – die Aussicht ist Erlebnis genug.
Und noch etwas: Der Nebel ist für Kinder spannend, aber auch kalt. Nehmen Sie immer eine Jacke mit, selbst im Sommer. Die Temperaturen im Anaga liegen oft 10 Grad unter denen an der Südküste – und der Wind kann höllisch sein.
Nachhaltige Tipps für Ihren Besuch
Das Anaga-Gebirge ist ein geschütztes Gebiet – das merkt man an den Regeln, die vor Ort gelten. Halten Sie sich an das, was die Natur verlangt, und Sie werden mit unvergesslichen Eindrücken belohnt. Ich schreibe das nicht als Predigt, sondern weil ich es selbst erlebt habe: Die schönsten Momente hatte ich, wenn ich morgens früh allein unterwegs war, bevor die ersten Gruppen kamen.
Respektieren Sie die Natur: bleiben Sie auf den Wegen, nehmen Sie Ihren Müll mit, und lassen Sie die Pflanzen, wo sie sind. Der Lorbeerwald ist ein Fossil aus einer anderen Zeit – er verdient unseren Schutz.
Und dann stehen Sie da, zwischen Moos und Nebel, und Sie werden verstehen, warum dieses Massiv die Menschen seit Jahrhunderten fasziniert. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass Sie die Gipfel sehen werden. Aber ich kann Ihnen versprechen, dass Sie etwas mitnehmen werden – auch wenn Sie nicht genau sagen können, was es ist. Genau das ist die Magie des Anaga.